Ilse Dippmann‘s NYC Marathon 2018

Mein 32. Marathon, der 11. Marathon in New York City. Ilse Dippmann über ihre ganz persönliche Marathon-Geschichte.

Wenn du Motivation brauchst, dann setze dir ein Ziel

Manchmal habe ich den Eindruck viele Menschen denken – ich, als Organisatorin des ASICS Österreichischen Frauenlaufs® - bin zu jeder Zeit motiviert Laufen zu gehen. Das stimmt jedoch nur zum Teil. Natürlich ist Laufen ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens und Alltags, rund 4x wöchentlich schnüre ich meine Laufschuhe. Aber auch ich muss mich dazu zeitweise widerwillig aufraffen.

Genau so war es auch vergangenen Jänner. Bei minus 10 Grad Außentemperatur hatte auch ich meine Probleme um 6 Uhr morgens meine gewohnte frühmorgendliche Laufrunde zu starten. Mir fehlte es einfach an Motivation. Warum soll ich mir das jetzt antun? Daraufhin habe ich beschlossen: ich brauche ein neues Lauf-Ziel!

Wie es manchmal im Leben so ist, muss man Chancen gleich ergreifen die sich einem bieten. Bei mir war es der Newsletter des New York City Marathons mit dem Aufruf an der Lotterie teilzunehmen. 

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Newsletter vom 15.2.2018

This Is It!

The deadline to apply for the 2018 TCS New York City Marathon is just hours away. Enter the drawing by 11:59 p.m. ET for your chance to run this world-famous, totally life-changing race in November.

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Dazu muss man wissen: beim Marathon in NYC mit mehr als 50.000 StarterInnen jährlich kann man sich, aus Europa kommend, nicht einfach so online anmelden. Entweder man bucht über einen Reiseveranstalter oder ergattert einen Platz über die Lotterie. „Lotterie“ bedeutet in diesem Fall auch: wenn man gewonnen hat, darf man sich um USD 358,- regulär anmelden.

Gesagt, getan. Eine Stunde später habe ich mich zur Ziehung eingeschrieben.

“You are officially in the 2018 TCS New York City Marathon this November”

Zwei Wochen später war es dann klar: Ich habe mein Ziel, meine Motivation fürs Laufen 2018 gefunden. Super!

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Newsletter vom 1.3.2018

Congratulations, Ilse!
You are officially in the 2018 TCS New York City Marathon this November. This is the world's biggest marathon—a life-changing race that draws runners from all over the planet. It will test you, challenge you, and above all move you. All of us at New York Road Runners are thrilled to have you with us!

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Das Training – lang und durchwachsen

Mit Anfang März war nun klar, dass ich Anfang November beim New York City Marathon am Start stehen werde. - Und somit 8 Monate Vorbereitungszeit bzw. Training vor mir liegen. Die Trainingsphasen sind dabei leider etwas durchwachsen verlaufen. Ich habe mich zwar bereits für meinen 32. Marathon vorbereitet und man könnte meinen „alles wie immer“, aber so ist das nicht. Jeder Marathon ist anders. Jede Vorbereitungsphase ist anders.

Im Frühjahr habe ich weiterhin meine 4 wöchentlichen Trainingseinheiten, inklusive das Mittwochs-Training im Zuge der Frauenlauftrainings / „Fit in 12 Wochen“ absolviert. Erst nach dem ASICS Österreichischen Frauenlauf® - also mit Ende Mai – habe ich mit dem gezielteren Training begonnen. Das bedeutet: mehr Läufe über 2 Stunden einbauen!

Im Juli hat mich leider bereits mein erster Trainingsrückschlag getroffen. Schulterprobleme und ein verschobener Wirbel haben mich zurückgeworfen. Denn mit Schmerzen war an ein strukturiertes Training, so wie es eigentlich erforderlich gewesen wäre, nicht zu denken.

Auch der sehr heiße Sommer hat mir zugesetzt. Um mein Trainingspensum zu schaffen und der Hitze zu entfliehen, bin ich manchmal um 4 Uhr in der Früh aufgestanden. Die 5 wöchentlichen Trainingseinheiten, mit ca. 60 Kilometern und zusätzlich einer Einheit am Ergometer, waren nur auf diesem Weg in meinen Alltag zu integrieren. Unerlässliches Zusatzprogramm: 3x/Woche Stabilitäts- und Kräftigungsübungen!

Grundsätzlich habe ich mir für das diesjährige Training etwas den Druck rausgenommen. Ich bin in den vergangenen 30 Jahren bereits 31 Marathons gelaufen, mit einer Bestzeit von 3:16:42 h. Beweisen musste ich mir selbst also nichts mehr. ABER: mit 26. August waren es nur noch 70 Tage zum NYC Marathon! Das hat mich einerseits beruhigt – es bleibt scheinbar noch genügend Zeit fürs Training. Aber andererseits hatte ich auch das Gefühl, es könnte eng werden.

Mit Unterstützung der SPORTordination habe ich dann wieder begonnen gezielt und professionell nach einem auf mich persönlich zugeschnittenen Plan zu trainieren.


Trainingsendspurt – mit dem nötigen Support läuft es wieder gut

Nach den etlichen Trainingskilometern der vergangenen Monate, die ich vorwiegend alleine abgespult habe, habe ich am Anfang September beschlossen: ich brauche Support!

In der großartigen Frauenlauf-Community habe ich Läuferinnen gesucht, die Zeit & Lust hatten mit mir zu trainieren bzw. an den Wochenenden die notwendigen Longjogs gemeinsam mit mir zu absolvieren. An sieben Wochenenden hintereinander hat sich so eine Gruppe von ca. 12 Läuferinnen zusammengefunden um mich bei den langen Einheiten zu begleiten. Nach zweistündigen Longjogs haben wir dann noch zusätzlich 6km Endbeschleunigung im geplanten Marathon-Tempo angehängt. Und obwohl keine einzige selbst für einen Marathon trainiert hat, haben fast alle auch dabei noch mitgemacht. An dieser Stelle möchte ich mich sehr herzlich bei allen „meinen“ tollen Longjog-Läuferinnen für die großartige Unterstützung und die vielen netten Gespräche bedanken.

Neben den langen Einheiten und Tempoeinheiten waren natürlich auch Vorbereitungswettkämpfe am Plan. Beim Strasshofer Herbstlauf am 13. Oktober konnte ich mir mit einer Zeit von 56:47 Min über 10km den 1. Platz in meiner Altersklasse holen.

Zum Abschluss wurde es dann nochmals im Training intensiv. Mein „wildes“ Abschlusstraining: 4 x 5000m im Marathontempo. Das Training hat insgesamt2:37 h gedauert. Die Stoppuhr habe ich um 4.45 Uhr früh auf der Prater Hauptallee gestartet.


New York City! Endlich wieder!

Das letzte Mal New York City war schon wieder 5 lange Jahre her. Im Jahr 2013 bin ich dort meinen 30. Marathon und meinen 10. in NYC gelaufen. Dort wollte ich damals eigentlich das Kapitel 42,195 km abschließen. Das habe ich dann noch nicht. Denn im Vorjahr 2017 habe ich mir zu meinem 60. Geburtstag den Chicago Marathon – und somit meinen 31. Marathon – „geschenkt“. Und wie es zu meinem 32. Marathon kam … siehe Anfang dieser Geschichte.

Mit der Stadt New York City verbinde ich viele Besonderheiten. Das frühmorgendliche Laufen im Central Park gehört für mich beispielsweise einfach dazu. NYC bedeutet für mich immer auch Ankommen in eine verrückte Stadt.

In diesem Jahr sind wir wieder im offiziellen AthletInnen-Hotel geblieben. Dort spürt man schon die Marathon-Atmosphäre, das Kribbeln, die elektrisierende Stimmung. Auch Frauenlauf-Pionierin Kathrine Switzer habe ich bei meiner Ankunft getroffen! Die ganze Stadt ist einfach im Marathon-Fieber. Die Startnummernausgabe ist einzigartig, denn man weiß ganz genau: jede/n die/den man trifft, läuft auch wirklich 42,195 km. Jede/r begibt sich auf diese ganz besondere Reise.

Der Renntag!

Marathon bedeutet immer Anspannung, Aufregung. Und einen recht strengen Zeitplan, gerade in NYC.

04.00 Uhr Aufstehen
Die Unterlagen, Bekleidung, Pulsuhr etc. habe ich mir bereits am Vortag bereit gelegt. Da aber bereits um 06.00 Uhr der Bus Richtung Start abgefahren ist, habe ich genügend Zeit in der Früh eingeplant. Und gut war es, denn diesmal ist der Bus nicht dort gestanden, wo er stehen hätte sollen. Zum Glück, habe ich den Bus dann noch zeitgerecht erwischt. Ungeplant war diesmal auch, dass wir 2 Stunden nach Staten Island gefahren sind, statt der geplanten 1 Stunde. – Noch dazu in einem leider sehr stark klimatisierten Bus. Auf diese frühmorgendliche Kälte war ich nicht vorbereitet.

08.00 Uhr Ankunft in Staten Island
Jetzt hat das Warten auf den Start begonnen – sehr lange 3 Stunden. In einem Großraumzelt am Boden sitzend. Die einzige Ablenkung war, sich mit anderen LäuferInnen zu unterhalten. Während man auf den eigenen Start wartet, hört man bereits die „Kanonenschüsse“ der vorhergehenden Starts. Das ist ein ganz eigentümliches und fast auch unheimliches Gefühl.

10.30 Uhr - auf zum Start

6,5 Stunden nach dem Aufstehen ist es endlich für mich losgegangen. Gemeinsam mit den anderen LäuferInnen meines Startblocks wurden wir mit der gesamten „LäuferInnen-Traube“ in den Startbereich auf die Brücke gebracht.

11.00 Uhr - los geht‘s

Endlich! Mit einem Kanonenschuss & der amerikanischen Hymne wurden wir auf die 42,195km losgelassen! Die Reise hat begonnen.

Das Marathon-Wetter war eigentlich für LäuferInnen sehr gut. Aber trotz strahlend blauen Himmel und Sonnenschein war es windig und kalt. Ich war schon von dem stundenlangen Warten im Zelt durchgefroren, darum habe ich bis zur letzten Minute gewartet um meine Hose und Jacke auszuziehen. Meine Haube habe ich erst bei Kilometer 5 einem netten, anfeuernden Mädchen geschenkt.

Meinen 32. Marathon bin ich viel zu schnell gestartet und war somit die ersten 5 km zu flott unterwegs. Und zwar weil ich in einem Punkt nicht vorbereitet war: ich habe mein Marathon-Tempo nicht in Meilen umgerechnet! Aus vergangenen Jahren meinte ich mich zu erinnern, dass auch die Kilometer angezeigt werden. Dem war leider nicht so. Und das GPS meiner Pulsuhr hat mich leider auch streckenweise im Stich gelassen.

Somit habe ich mein Tempo erst nach ca. 3,5 Meilen korrigiert. Nichtsdestotrotz sind die ersten 10 Kilometer relativ schnell vergangen und bis zur Halbmarathon-Distanz ist alles super gelaufen.


Endorphine an der Strecke

Eine Besonderheit bei den Marathon-Läufen in Amerika, und für mich besonders in New York City, sind die ZuschauerInnen an der Strecke. Es ist einfach fantastisch, welche positive Energie die Menschen den LäuferInnen geben. In Queens haben sie beispielsweise ein regelrechtes Straßenfestival veranstaltet. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte mitgefeiert. Wenn man in New York City läuft, wird man wirklich wie eine Heldin gefeiert.

Nach 25 Kilometern kommt dann die unfassbar lange, ansteigende Queensboro Bridge. Ab dort sind es „nur“ noch rund 10 Meilen. Und wenn man schon 10 Mal in NY gelaufen ist weiß man: wenn man die Kurve rausläuft und auf die First Avenue einbiegt, dann sind es noch 68 Straßenblöcke Richtung Norden und in weiterer Folge wieder 68 Blöcke hinunter zum Central Park ins Ziel. Ein nicht sehr aufbauender Gedanke.

Nach der Queensboro Bridge – in der 62. Straße  - hat mich aber dann Andreas mit meiner Peeroton-Mischung gerettet. Bis dahin habe ich nichts von den offiziellen Verpflegungstischen genommen.


„The last damn bridge“ ;))

Ab km 30 habe ich dann leider doch Probleme mit dem Magen bekommen. Gedanken an das Aufhören habe ich mir aber nie wirklich erlaubt. Auch hier haben mir die ZuschauerInnen an der Strecke mit Motivation versorgt. Wie beispielsweise das Anfeuerungsplakat vor der letzten Brücke: „The last damn bridge“

Geholfen hat mir auch sehr, dass mich viele SupporterInnen von zu Hause aus getrackt und meinen Weg mitverfolgt haben. Am Anfang denkt man überhaupt nicht darüber nach, dass viele online mitfiebern, aber dann hat es mir Kraft gegeben. Ich habe gewusst, dass viele Bekannte, FreundInnen, LäuferInnen Anteil nehmen und gedanklich bei mir sind. Für die letzten 12 km, die wirklich zäh waren, war das ein schöner Gedanke, der mich ins Ziel getragen hat.


Der letzte Kilometer

Beim Zieleinlauf habe ich an unser diesjähriges Frauenlauf-Motto „Momente, die zählen“ gedacht. Denn es war wirklich ein ganz besonderer Augenblick von euphorischen ZuschauerInnen im Ziel erwartet zu werden, die AmerikanerInnen stehen Spalier, beklatschen und beglückwünschen dich. Ein Moment, in dem man ganz mit sich bzw. bei sich ist.

42,195 km in 4:42:42 h - Danke an alle, die mich ins Ziel „getragen“ haben!

Mit der Medaille und einem wärmenden Poncho ging es müde aber überglücklich nochmals 45 Minuten zu Fuß ins Hotel.

Um 17.15 Uhr – also 13 Stunden nach dem Aufstehen um 4 Uhr frühmorgens – konnte ich mich endlich in die Badewanne legen und entspannen. Mit einem wohlverdienten Bier habe ich die unzähligen Nachrichten der vielen lieben SupporterInnen gelesen. Danke dafür!

Mein Resümee: Sag‘ niemals nie.

Als ich über die Ziellinie gelaufen bin, habe ich mir ehrlicherweise gedacht: „Jetzt reicht‘s wirklich! Warum quält man sich so ab?“ Ich war auch im ersten Moment von meiner Leistung etwas enttäuscht. Aber die unzähligen Glückwünsche, die erbrachte Leistung in meinem Alter, haben mich sehr positiv gestimmt und stolz gemacht.

Ich bin von 150 gefinishten ÖsterreicherInnen als 99te ins Ziel eingelaufen. Von rund 52.000 StarterInnen insgesamt war ich ca. bei Rang 30.000. Also noch 22.000 LäuferInnen hinter mir!

Und jetzt, gerade zwei Wochen später, packt es mich schon wieder. Ich bin in Gedanken schon wieder bei meinem nächsten Ziel 2019!

Dein persönlicher NYC Marathon 2019

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